Objektive und systematische Textanalysen
Gemeinhin gelten Objektivität und Systematik als grundlegende Kriterien wissenschaftlicher Vorgehensweise, so dass eine Diskussion dieser Aspekte unstrittig und darum überflüssig scheint. Die Forderung nach objektiver Beschreibung (eines Inhalts einer Kommunikation) erfordert zunächst eine Vorklärung: ein fixierter sprachlicher Inhalt soll als Text bezeichnet werden, d.h. als „zusammengehörige, isolierbare Gruppe von aktualisierten Zeichen. Hierbei ist es gleichgültig, ob es sich um Schrift- oder Wortzeichen, um Gesten oder Mimik etc. handelt. Ein Text setzt also immer eine Möglichkeit der Notation im physikalischen Sinn voraus.
Eine Variable - nämlich der Text - kann also konstant gehalten werden. Damit wird für die Textanalyse die Intersubjektivität erreichbar, die allgemein von der Wissenschaftstheorie gefordert wird. Objektivität der Beschreibung eines Textes ist auf mehreren Ebenen möglich: auf der physikalischen Ebene, indem man einen Text z.B. nach Länge und Breite resp. Fläche vermißt. Auf der syntaktischen Ebene, indem man einen Text segmentiert, z.B. nach Buchstaben, Silben, Worten, Sätzen, Absätzen. Auf der semantischen Ebene, soweit man dort explizite Relationen zwischen bestimmten Zeichen und bestimmten „Bedeutungen“ treffen kann (denotative Bedeutungen).
Soweit die Analyse-Ebene von Inhalten unterhalb der pragmatischen Ebene bleibt, kann man in dieser Auffassung (1995, S. 49) Inhalte objektiv beschreiben. Aber ist das der Inhalt einer Kommunikation? Nach Merten nicht! Die eigentliche Ebene des Verstehens, der Interpretation, der Wirkung bleibt damit ausgeblendet. Als Codierer soll man einen Text zwar lesen, aber man soll ihn möglichst nicht verstehen, nicht „zwischen den Zeilen lesen“, das eigene Vorwissen und eigene Perspektiven sozusagen wegdefinieren. Hiernach läuft die Forderung nach Objektivität auf ein vorsätzliches Nichtverstehen von Texten hinaus.
Berücksichtigt man umgekehrt die pragmatische Ebene, also die eigentlich kommunikativ relevanten Beziehungen eines Textes zu seinem Rezipienten, so wird die Forderung nach Objektivität verletzt, ofern die Regeln, nach denen ein beliebiger Rezipient den Text rezipiert (selegiert), nicht explizit gemacht werden, zumal ja der dem Inhalt zugrunde Kommunikationsprozeß nicht intersubjektiv rekonstruierbar ist.
„Inhalte eines Textes (sind) im Kommunikationsprozeß nicht) Merkmale, die unabhängig von diesem extrahiert werden könnten“ (Ungeheuer 1971, S. 193). Dieses Dilemma wird uns bei allen inhaltsanalytischen Verfahren, die auf der pragmatischen Ebene ansetzen, wiederbegegnen.
